A Handy homs, owa…

[TATSACHENBERICHT. DIE SZENEN HABEN SICH – hier sprachlich geglättet dargestellt – INHALTICH SO ZUGETRAGEN]

“Na draufdrücken auf den grünen Knopf. Wie man nach Österreich reinkommt hast ja auch verstanden!” Der Schaffner stellt sich nahe an den Syrer heran, der umständlich versucht, die Abteiltür im Railjet zu öffnen, die den Speisewagen von der ersten Klasse trennt. Ein Herr mittleren Alters, der direkt neben dem Geschehen sitzt, hebt seinen Kopf, stellt das Bierglas nieder und runzelt die Stirn. Auch die restlichen Stimmen im Waggon sind abrupt verstummt, nachdem der Mann in der blauen Uniform das Wort erhoben hat. Der eine blickt etwas irritiert, die andere fragend. Der Nächste grinst.
Die eigentlich entspannte Stimmung an diesem Freitag Abend lässt sich durch so was aber niemand vermießen. Als der Schaffner den Speisewagen wieder betritt ist die Aufmerksamkeit trotzdem wieder bei dem Thema. Gezwungenermaßen. “Unglaublich, immer das selbe. Aufhalten kannst du sie nicht, aber ein bisschen schwerer kannst du es ihnen machen.”, raunzt er gereizt. “Ja, sie haben ihn jetzt aber nicht am Semmering rausgeschmissen? Da ist es doch kalt!”, entgegnet eine ältere Dame auf die ungefragte Rechtfertigung des ÖBB-Mitarbeiters. “Da gibt’s einen Warteraum!” Man merkt, er würde seine Emotionen gerne noch deutlicher zum Ausdruck bringen; lauter sprechen; vielleicht anderer – härtere – Worte gebrauchen, doch er versucht sich seinem Beruf angemessen an die Fakten zu halten. “Ja, aber…”, resigniert lässt die Frau ihren Blick auf den Toast sinken, den der Kellner vor ein paar Minuten vor ihr am Tischchen abgestellt hat. “Hm.”
Die Stimmung ist jetzt doch etwas angespannt auf diesen paar Quadratmetern. Der Mann neben der Tür räuspert sich kaum hörbar. “Ist schon recht so. Wenn er nicht zahlt, muss er raus.” Die anderen Gäste nicken, blicken peinlich berührt an die Decke.
Langsam nehmen die Unterhaltungen wieder Dahrt auf.

In Graz ist heute noch was los, ja, klar.
Die Tochter wird erst spät am Flughafen ankommen und dann – waren sie auch schon Mal in Gambia?
Nein also Ottakringer wirklich nicht. Gösser. Das einzig Wahre!
…also wie der Schorsch dann gesagt hat – also bitte, ich weiß ja nicht wie das bei denen normalerweise üblich ist, aber…

“Ist ja nicht so, dass sie es sich nicht leisten könnten.” Anscheinend lässt es dem Schaffner doch keine Ruhe. Unvermittelt greift er das Gespräch wieder auf, als er erneut den Speisewagen betritt. “Sie wollen es einfach nicht zahlen. Weil sie eh wissen, dass nichts passiert.” “Genau.” Sein Bier hat er schon weit über die Hälfte geleert. “Wir futtern ihn durch und dann glaubt er, er muss für’n Zug auch nix zahln.” Der Schaffner bleibt stehn. Nimmt Blickkontakt auf. “Die sitzen drinnen, als ob nichts wär, tun meistens so, als ob sie schlafen, Kopfhörer drinnen. Vor Neustadt hab ich ihm gesagt, er soll vor gehen. “Nix verstehen.” Ja genau. Dann hat er sich im Klo eingesperrt. Jetzt hab ich ihn rausgholt. Nach Graz wollen’s. Zu ihren Kollegen. Aber zahlen? Jedes Großmütterl muss eine Karte kaufn und er glaubt, er kann da gratis fahrn. Aber was willst denn machen? Anzeigen bringt ja auch nichts. Dann nimmt er sich so einen Grünen Anwalt… Gibt ja genug Gutmenschen, die- ” Ein Zucken geht plötzlich durch seinen Körper. Kurz blickt er verwirrt. Niemand spricht mehr im Abteil. Es scheint, als ob er das erst jetzt realisiert hätte. Er dreht sich einmal um.
Nickt. Geht.

Kurz ist es noch still. Dann läutet ein Handy. Die Gespräche gehen wieder los. Ein bisschen leiser vielleicht als vorher, aber nicht unbedingt weniger heiter.
Als wir aussteigen steht der Schaffner neben uns an der Tür. “Es ist ein Wahnsinn.” Beginnt er wieder. Man merkt, dass das Thema an ihm nagt, ihn in seinem gesamten Denken beeinflusst. “Sind es wirklich so viel?”, frage ich. “Jeden Tag mehr. Die wissen doch genau, dass wir nichts tun können. Dann stellen sie sich blöd und -” Er schluckt. “Handy haben sie alle. Und sie haben ja auch das Geld für die Karten. Zahlen wollen sie trotzdem nicht. Aufhalten kannst du sie nicht. Aber ein bisschen schwerer können wir es ihnen machen. Jedes Großmütterl…” – sein Rad beginnt wieder von vorne.

Scheiße, denk ich mir.
Kannst du ihm einen Vorwurf machen? Wie soll er auf immer wiederkehrendes, widerrechtliches Verhalten reagieren? Und trotzdem: Wie kann man verhindern, dass es – wieder – “DIE” und “WIR” sind?